Studienergebnisse "LeSuBiA"
Gewalt gegen Frauen bleibt weitgehend unsichtbar – nur jede zwanzigste Tat wird angezeigt
Mit der neuen bundesweiten Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastungen im Alltag (LeSuBiA)“ liegen erstmals seit über 20 Jahren wieder umfassende repräsentative Zahlen zur Gewaltbetroffenheit in Deutschland vor. Rund 15.000 Menschen zwischen 16 und 85 Jahren wurden befragt. Das zentrale Ergebnis ist alarmierend: Weniger als zehn Prozent der Gewalterfahrungen werden angezeigt. Bei Gewalt in (Ex-)Partnerschaften liegt die Anzeigequote sogar unter fünf Prozent, was bedeutet, dass 19 von 20 Taten im Dunkelfeld bleiben. Die niedrige Anzeigequote zeigt, dass viele Betroffene sich nicht an Polizei oder Justiz wenden. - Aus Angst, Scham, wirtschaftlicher Abhängigkeit oder mangelndem Vertrauen in Behörden.
Die Studie macht deutlich, dass Gewalt kein Randphänomen ist und dass Frauen in besonderem Maße betroffen sind. Jede fünfte Frau, die Gewalt durch ihren Partner erlebt, hat Angst um ihr Leben. Jede siebte Frau erlebt sexualisierte Gewalt. Zudem konnte eine erhöhte Betroffenheit bei Frauen mit Migrationshintergrund festgestellt werden. Bei der geschlechterübergreifenden Erhebung wird deutlich, dass Männer ebenfalls betroffen sind, Gewalt gegen Frauen aber häufiger sexualisiert, mit größerer Angst, höherem Verletzungsrisiko und stärkerer Bedrohung verbunden ist.
Gewalt beginnt oft in der Kindheit. Mehr als jede zweite junge Person berichtet von körperlicher Gewalt durch Erziehungsberechtigte, mehr als jede dritte von psychischer Gewalt. Fast jede vierte Person hat Gewalt zwischen den Eltern miterlebt. Diese Erfahrungen erhöhen nachweislich das Risiko späterer Gewaltbetroffenheit in Partnerschaften.
Die Ergebnisse der LeSuBiA-Studie bestätigen, was Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen seit Jahrzehnten erleben: Gewalt gegen Frauen geschieht überwiegend im sozialen Nahraum, ist strukturell mit Macht und Kontrolle verbunden und bleibt in den meisten Fällen unsichtbar. Hier müssten zeitnah Maßnahmen ansetzen, die auch im Dunkelfeld wirken. So fordert die Frauengruppe der Gewerkschaft der Polizei (GdP) die flächendeckende Einrichtung von Fachkommissariaten in den Dienststellen, die zwingend notwendigen Ressourcen hierfür sowie verbindliche, regelmäßige Fortbildungen bei der Polizei. Aber auch im Hellfeld braucht es einen Paradigmenwechsel, sodass das Vertrauen für Betroffene in Behörden wachsen kann: Der Deutsche Juristinnenbund (djb) fordert die gesetzliche Verankerung verpflichtender Fortbildungen für alle in Familien- und Strafverfahren beteiligten Personen. Nur mit spezialisiertem Wissen können Gerichte das wahre Ausmaß von Gewaltdynamiken erkennen und angemessen urteilen.
