Ein Blick auf das Hochrisikomanagement in Rheinland-Pfalz

Interdisziplinäre Fallkonferenzen stärken den Schutz von Frauen und Kindern

Wenn Frauen von schwerer Partnerschaftsgewalt, Stalking oder massiven Drohungen betroffen sind, braucht es mehr als einzelne Hilfsangebote. In Rheinland-Pfalz wurde deshalb bereits vor Jahren ein landesweites Hochrisikomanagement aufgebaut, das Polizei, Frauenunterstützungseinrichtungen, Jugendämter und weitere Fachstellen systematisch zusammenbringt. Seit 2018 werden in Rheinland-Pfalz flächendeckend Hochrisiko-Fallkonferenzen durchgeführt. Ziel ist es, schwere Gewalttaten bis hin zu Tötungsdelikten möglichst früh zu verhindern.
Grundlage ist eine strukturierte Gefährdungseinschätzung. Kommen Fachkräfte zu dem Schluss, dass ein erhöhtes Risiko für eine schwere Gewalt besteht, kann ein Fall mit dem Einverständnis der betroffenen Frau in eine Fallkonferenz eingebracht werden. Dabei werden wissenschaftlich fundierte Instrumente genutzt, die typische Risikofaktoren erfassen, wie bspw. frühere Gewalttaten, Trennung, Drohungen, Gewalt gegen die Kinder oder eskalierende Konfliktdynamiken.
Essentieller Bestandteil des Hochrisikomanagements sind interdisziplinäre Fallkonferenzen. Regelmäßig kommen dort Fachkräfte verschiedener Institutionen zusammen, darunter Polizei, Frauenhäuser, Interventions- und Fachberatungsstellen, Jugendämter, Täterarbeitseinrichtungen, Opferschutzbeauftragte, sowie weitere beteiligte Stellen. Gemeinsam werden Informationen zusammengetragen, Risiken bewertet und Schutzmaßnahmen abgestimmt. Dabei geht es nicht nur um den Täter und sein Verhalten. Ebenso werden die Situation der Frau und ihrer Kinder, bestehende Unterstützungsangebote und notwendige Schutzmaßnahmen in den Blick genommen. Mögliche Maßnahmen können bspw. die Sicherheitsplanung mit der betroffenen Frau sein, die Aufnahme in ein Frauenhaus, Kontakt- und Näherungsverbote, Unterstützung durch das Jugendamt oder Beratungsstellen oder Schutzmaßnahmen für Kinder.
Die Erfahrungen aus Rheinland-Pfalz zeigen, dass insbesondere die enge Zusammenarbeit der verschiedenen Institutionen den Gewaltschutz verbessern kann. Informationen gehen weniger verloren, Zuständigkeiten werden klarer und notwendige Maßnahmen können schneller umgesetzt werden. Evaluationen des rheinland-pfälzischen Hochrisikomanagements zeigen, dass Fälle, die in interdisziplinären Fallkonferenzen beraten wurden, deutlich seltener erneut von schwerer Gewalt betroffen waren als vergleichbare Fälle ohne Fallkonferenz.
Gleichzeitig berichten Fachkräfte von Herausforderungen: Der zeitliche Aufwand für die beteiligten Einrichtungen ist hoch, während die Finanzierung zusätzlicher Arbeitsanteile nicht ausreichend gesichert ist. Auch erfolgt die Umsetzung regional teilweise unterschiedlich und bestimmte Gewaltkonstellationen, etwa schwere familiäre Gewalt außerhalb von Partnerschaften, werden bisher nicht ausreichend erfasst.
Kein System kann schwere Gewalttaten mit absoluter Sicherheit verhindern. Doch strukturierte Risikoanalysen, verbindliche Kooperationen und ein konsequenter Fokus auf den Schutz von Frauen und Kindern können dazu beitragen, Gefährdungen früher zu erkennen und wirksame Schutzmaßnahmen einzuleiten, was auch vor dem Hintergrund der Istanbul-Konvention und des Gewalthilfegesetzes notwendig ist.

Zum Weiterlesen: Hochrisikomanagement in Rheinland-Pfalz – Ein Erfahrungsbericht aus Trier - Frauenhauskoordinierung